Der Tunnel

Wir gehen einen Kilometer durch den Wald, einen Hügel hinauf und passieren ein Schild auf dem steht: „Fort Muck“. Schon sehen wir eine Kanone aus Eisen, einen metallenen Gorilla, der auf einer Fahnenstange tront, daneben Michael Altmann, den seine Mutter immer Muck gerufen hat. Muck ist 80 Jahre alt, er trägt eine graue Weste, ein Cap und wirft sich einen grünen Mantel über. Muck will uns „die unterirdischen Verliese“ zeigen, so nennt er das Höhlensystem unter seiner Wochenendhütte.

1956 hat er, damals als 23-jähriger, angefangen einen Tunnel zu graben. Aus Protest hat er es getan, denn der damalige Bürgermeister wollte ihm nicht erlauben einen Heurigen zu eröffnen. Statt einem Heurigen also ein Tunnel, der sich in knapp 50 Jahren zu einem 200 Meter langem System ausgewachsen hat, in dem sich Brunnen, Heiligenfiguren, Höhlenmalereien, kleine Schreine und andere Geheimnisse finden.

Mein Film from Matthias Leitner on Vimeo.

 

Während wir die feuchten Treppen hinabsteigen erzählt uns Muck aus dem Krieg. Davon wie er auf die „Hitlerakademie“ ging, wie der Vater im Krieg gestorben ist, wie er herausgefunden hat, was wirklich passiert ist im Holocaust. Später wird er uns die Stelle zeigen, an der er als 10-jähriger mitansehen musste, wie die Deutsche Wehrmacht fünfzehn Deserteure erschossen hat. Mucks Tunnelsystem ist die Verarbeitung seiner Traumata, als Künstler sieht er sich nicht. „Ich bin doch ein ganz kleiner ungebildeter Mann“, sagt er und pafft einen Zug seiner Virginiazigarre. In den Winkeln der Höhle finden sich Runenzeichen, Kriegssymbole, kuriose Gestalten, pagane Tierwesen. Manchmal träumt Muck noch heute schlecht, dann würde er am liebsten weitergraben. Aber er kann nicht: „Mein Herz macht das nicht mehr mit.“

Es ist feucht, düster und kalt unter der Erde, unser Atem kondensiert. Muck zeigt uns das gesamte unterirdische Albtraumreich. Nur eine einzige Türe bleibt verschlossen, da darf keiner hineingehen: „Das ist mein Geheimnis. Und auch ich schaue da nimmer rein.“

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Muck lässt uns erst aufbrechen, nachdem wir je zwei Schnapps getrunken haben. Dann machen wir uns auf den Weg, zum Ausnüchtern und nach Altötting, der letzten Station unserer Reise.

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