Ziegenteufel

„Das ist der Ausfluss unserer dekadenten Gesellschaft!“

Ein ernsthafter älterer Herr redet sich vor den Votivtäfelchen der Altöttinger Gnadenkapelle in Rage. Er meint uns. Ganz besonders meint er Herrn R., der in seinem Ziegenkostüm um die Kapelle geht und die verschiedenen Mariendarstellungen begutachtet.

2015-06-07 10.27.34Schon hat der Herr zwei Mitstreiter gefunden, den Mesner und einen Pilger. Alle drei kommen auf uns zu – aufgebracht, resolut.

„Was soll das? Als Teufel verkleidet…so können sie doch nicht…das ist ein heiliger Ort…Also hören Sie…“

Herr R. schaut verwundert an sich hinab, er sagt: „Ich bin kein Teufel. Ich bin eine Ziege.“

Der alte Mann schnappt nach Luft, der Mesner fordert uns auf den Kirchengrund zu verlassen. Herr T. steigt in die Diskussion ein.

„Ist das nicht ein bisschen intolerant? Also…den Ziegen gegenüber?“

Schon droht der Mesner mit der Polizei. Immerhin würden wir christliche Gefühle verletzen. Immerhin sei der Teufel laut christlicher Ikonografie schon immer in Ziegengestalt aufgetreten. Immerhin und überhaupt. Herr L. zupft an seinem Kleidchen.

„Und mein Kostüm? Ist das auch anstößig?“

„Sie kennen sicher die Meinung des Papstes zum Gendermainstreaming“, meint der Mesner. Tun wir nicht, diskutieren aber auch nicht weiter, sondern gehen aus dem Ziegensperrgebiet.

Der ernsthafte Herr kommt hinterher. Vom Glauben getragen stapft er auf uns zu, ruft: „Sie denken sicher, dass Sie die Schlauen und wir die Deppen sind!“ Tun wir ebenfalls nicht.

Herr T.: „Wir sind nicht so schnell mit einer Meinung bei der Hand. Wir würden aber gerne mit ihnen sprechen. Haben Sie Zeit?“ Hat er. Erst in einer Stunde muss der Herr wieder in der Kirche sein.

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Wir setzen uns auf eine Bank, eine alte Dame kommt an uns vorbei. Als sie die Ziege sieht lacht sie und macht: „Määäääh.“

Wir erfahren, dass der Herr Theologie studiert hat, mittlerweile als Gießer arbeitet, seit Jahren nach Altötting pilgert. Wir erzählen ihm von der Weltmaschine, vom Bauern Gsellmann, der angeblich von Gott den Auftrag bekommen hat die Weltmaschine zu bauen. Wir erzählen ihm auch, dass die Brückenbauerin Renate Theissl mit einer Modellbrücke nach Mariazell gepilgert ist, dass überhaupt alle Menschen, die wir getroffen haben, sich stark mit dem Thema Glauben auseinandersetzen. Deshalb sind wir auch in Altötting; unsere Forschungsreise ist zur Pilgerfahrt geworden, wir wollen unsere Protagonisten verstehen. Der Herr freut sich, dass wir im Stift Wilhering bei den Zisterziensern waren und kann kaum glauben, dass der dortige Abt in der Ziege keinen Teufel gesehen hat.

Wir hören einander zu. Der Herr hat sich mittlerweile beruhigt und erzählt uns von mechanischen Beichtstühlen, von Automatenaltären, von Tieren im Katholizismus. Dann schlägt es plötzlich zu Mittag. Der Herr springt auf, wir verabschieden wir uns.

„Ihnen reiche ich die Hand“, meint der ernsthafte Herr zu R., „dem Kostüm aber ausdrücklich nicht.“

Worauf R. die Frage stellt: „Trinken sie Ziegenmilch?“

Der Herr schüttelt den Kopf, beinahe scheint es so, als wolle er lachen. Dann dreht er sich um, geht ab in Richtung Gnadenkapelle – Zeit zu beten.

Weltmaschine 32_Altötting2015-06-07 11.21.16

 

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